Mittwoch, 3. Februar 2016

#beHindernisse: Warum nicht alle Behinderten ein Opfer sein wollen

Moinsen, es hat zugegebenermassen ganz schön lange gedauert, mich aus meinem Schreibtiefschlaf zu wecken. Dies hat mehrere Gründe, auf die ich gleich genauer eingehen werde. Also vor allem der Schlaf. Der Wecker war ganz klar dieser: der Hashtag #beHindernisse auf Twitter, bzw. was ich da lesen musste. Aber mal der Reihe nach: Mein (jetzt nicht mehr ganz so neuer) Job als Lektor hat mich mehr in Beschlag genommen als ich dachte. Wenn ich dann mal Zeit (und auch noch Lust) zum Schreiben habe, arbeite ich lieber an meinen Romanen als an Blogartikeln, insbesondere weil die Romane schon viel zu lange vor sich herdümpeln. Also: nach diesem Artikel bitte sicherheitshalber nicht allzuviel erwarten. Und natürlich ist mir auch gelegentlich mein Körper oft genug im Wege gestanden. Was für Einschränkungen/chronische Erkrankungen/Behinderungen ich habe geht grundsätzlich keinen was an. Und hausieren gehe ich damit schon gar nicht. Warum auch: Ich führe ein schönes Leben. Ich bin Ehemann, Vater, Hundebesitzer, bin berufstätig und habe somit wenig Grund mich zu beschweren. Ich werde auf der Arbeit respektiert und komme, so denke ich, ganz gut klar. Ich habe Hobbys die ich mit Freude ausüben kann. Ich lebe in einem Land, das mir viel ermöglicht und in dem ich mich auch gut abgesichert fühle. Kommen wir mal zu den Schattenseiten meines Lebens, die bei mir natürlich auch existieren, so wie wohl bei jedem Rezipienten dieses Textes auch (es sei denn da ist ein Milliardär ohne Gesundheitsprobleme dabei, sorry, dann weigere ich mich Deine Probleme ernstzunehmen). Bei mir spielt mein Körper seit meinem 27. Lebensjahr verrückt. Krebs, Schlafapnoe, Hypertriglyceridemie mit Diabetesschüben und wiederkehrenden Bauchspeicheldrüsenentzündungen. Die für Schmerzfetischisten übrigens eine wahre Wonne sind - leider bin ich keiner. Außerdem kann man potentiell bei jeder draufgehen. Beim ersten Mal hätte ich auch fast geschafft. Ich habe meinen Teil abgekriegt, das ist wohl wahr. Aber meine herzliche Bitte an dieser Stelle: Spart euch jegliches Mitleid, es ist weder angebracht noch erwünscht. Bis zum heutigen Tage habe ich das weder öffentlich beklagt oder auch nur erwähnt. Es war einfach nicht nötig. Ich erwähne das auch nur, weil es den Hintergrund meines Textes erklären soll. Sicher, wenn ich mal wieder mit eine Pankreatitis und unvorstellbaren Schmerzen im Krankenhaus liege, könnte meine Laune besser sein. Flüche und Tränchen gibts auch mal, sowie einige Tage düsterer Gedanken. Na und? Wie eingangs erwähnt habe ich verdammt viel schönes im Leben. Und ich bin nicht neidisch auf Leute ohne solche Behinderungen oder schwere Erkrankungen. Denn es kann jeden an jedem verdammten Tag treffen. Vielleicht sogar dich, lieber Leser, und vielleicht sogar schon morgen. Mein Mitleid wird sich dann aber auch in Grenzen halten. Denn so ist das Leben und außerdem kennen wir uns nicht persönlich. Vielleicht trifft es Dich dann auch viel härter als mich. Oder vielleicht bist Du auch viel schwerer behindert als ich, sogar von Geburt an. Was bringt Dir mein Mitleid? Nix. Was ist denn nun heute passiert? Zuerst mal sei erwähnt, dass ich Twitter für eine fürchterliche Kommunikationsplattform halte. Die Möglichkeit Leute zu blockieren finde ich fürchterlich, verhindert sie doch, dass man sich mit unliebsamen Meinungen auseinandersetzen muss. Und dann diese Zeichenbeschränkung. Aber: Als zusätzliche kleine Werbeplattform möchte ich vielleicht schon irgendwann mal benutzen. Und leider, leider scheinen sich ausgerechnet politische Debatten mittlerweile vor allem zunächst bei Twitter abzuspielen. Als wären Verkürzungen in Talkshows schon nicht schlimm genug. Aber bisher habe ich in der U-Bahn oder in den Pausen schon gerne hineingespinxt. Und was lese ich da heute? Es gibt eine neue Hashtagkampagne. Das ist doch genau das, was dieses Land braucht. Mit Hashtagbetroffenheit die Welt retten. Bisher habe ich mich da schön rausgehalten. Popcorn dazugemampft und oft geschmunzelt. Dummerweise interessiert mich das Thema diesmal zu sehr. Es geht nämlich um Behinderungen. Oder, wie es tituliert wird, #beHindernisse. Anscheinend soll der # dafür gut sein, dass Betroffene, sprich Behinderte von ihren Behinderungen erzählen können/sollen/dürfen. Meine erste Überlegung: Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits, insbesondere wenn man wie ich eine extrem seltene, chronische Krankheit hat, hat man durchaus des öfteren den Wunsch danach, sich mal mit gleichgesinnten auszutauschen. Kann ich nachvollziehen. Finde ich sogar gut, denn oftmals ist das gar nicht so einfach. Ich habe bisher jedenfalls noch keinen mit meiner Hypertriglyceridemieform kennengelernt. Aber: Ich habe eine tolle Ärztin und bisher alles gut überstanden. Auch mein Arbeitgeber hat mich trotz langer Fehlzeit nicht rausgeworfen. Mich hat auch bisher keiner verspottet - kein Kollege und natürlich auch erst recht kein Familienmitglied. Aber bei genauerer Betrachtung des Hashtags sehe ich dort keinen Austausch unter gleichbetroffenen. Sicher, dort werden so einige schlimme Fälle von Behinderungen geschildert, und die will ich auch auch nicht kleinreden (und ich weiß auch, dass es weitaus schlimmere Behinderungen gibt als meine, und bestimmt auch viele. Letztlich habe ich noch viel Glück gehabt.) Nur: Wofür soll die Twitterei gut sein? Was erwartet der Poster? Es gibt doch eigentlich nur vier Möglichkeiten: 1. Mitleid - "Oh, Du hast es aber ganz schön schwer." Danke. Das weiss ich selbst. Dazu brauche ich keine Zustimmung eines wildfremden auf Twitter. 2. Gleichgültigkeit - "Na und? Was xy hat ist aber noch viel schlimmer." oder: "Ich habe aber das und das, ist auch schlimm" oder: "Ist mir doch Latte, stell dich nicht so an". Mhm, bringt mich jetzt auch nicht so weiter. 3. Verhöhnung/Trolle/Hass etc. "Jetzt heul dich nicht so rum, Spasti" - Wer daran Spaß hat, von mir aus. Brauche ich sicher nicht. 4. Mein Tweet verändert die Gesellschaft "Du hast recht, mit Deiner Behinderung habe ich dich bisher benachteiligt/nicht ernst genommen/usw., ab heute wird alles anders" - Jetzt mal Butter bei die Fische, gibt es ernsthaft Menschen, die glauben mit ein paar Tweets auch nur eine vorgefertigte Meinung ändern? geschweige denn tatsächlich ein real existierendes Problem aus der Welt zu schaffen? Mit anderen Worten - würde ich meine Behinderungen dort Twittern, keine der erwartbaren Reaktionen würde auch nur irgendetwas daran besser machen. Aber wahrscheinlich würde ich mich danach viel schlechter fühlen. Tatsächlich kam aber noch eine 5. Reaktion dazu - nämlich #marthadear & friends eilten herbei zur Rettung der Behinderten! Hey, das ist ja wie Aufschrei. Und schwups wurde der Hashtag geretweeted und eingenommen. Mit dem gleichen Muster wie bei Aufschrei: nun fühlt sich jeder bemüßigt seinen Senf dazuzugeben. Und es dauerte nicht lange, und es wurden Allergien und Brillentragen als Behinderungen angegeben. Erst da merkt ich selbst: ach ja, ich bin ja auch kurzsichtig, das hab ich fast vergessen. Zwar kann ich durch das einfache Aufsetzen einer Brille alles prima sehen, aber ist ja trotzdem ganz dolle schlimm. Und schnell wurde mir auch klargemacht, dass Behinderte sowieso strukturell diskriminiert sind in Deutschland. Gut, es gibt Steuerfreibeträge, Arbeitsschutzregelungen, Ermäßigungen, Autorabatte (Citroen ;-), Berufsbetreuer, Behindertenvertreter auf der Arbeit - aber who cares. Hauptsache als Opfer präsentieren können. Um es mal klar zu sagen: Die Gesellschaft ist nicht schuld an unseren Behinderungen. Und ich finde, für eine kapitalistische geprägte Gesellschaft, die auf Effizienz ausgerichtet ist, wird eine Menge Rücksicht auf Behinderte genommen. Sicherlich ginge vieles besser, überall ist doch Lust nach oben. Aber wenn dann Diskutantinnen wie Hannah Rosenblatt (deren Texte auf der Mädchenmannschaft zur Behindertenthematik ich meist wirr, unlesbar und jammrig fand, aber ihr das Recht auf diese Ansicht nie streitig gemacht habe) darauf bestehen, dass Behinderte strukturell diskriminiert sind, und auf eine nicht beleidigende Nachfrage nach der Begründung ausser mit einem "doch" direkt mit einem Block reagieren, dann finde ich das einen eklatanten Mangel an Diskussionskultur. Immerhin, Hannah ist auch behindert, bei dem Thema könnten wir grundsätzlich auf Augenhöhe diskutieren. Aber gleichzeitig blockierte mich Anne Wizorek a.k.a. @marthadear auch. Ohne je mit mir gesprochen zu haben. Oder von mir auch nur irgendwie angegangen worden zu sein. Und das schärfst - until proven otherwise betrachte ich sie als nichtbehindert. Daher: ein starkes Stück, als privilegierte (weil nichtbehindert) in die Thematik einzudringen und einen Behinderten wegen einer abweichenden Meinung kommentarlos zu blocken mithin auszuschließen. Wie sagte mir ein vergleichbarer Mitstreiter von ihr: Check mal deine Privilegien, Anne. Ach ja, was ist also meine Abweichende Meinung vor allem: Mich stört ganz gewaltig, dass hier dazu animiert wird, dass sich Behinderte hier als Opfer darstellen sollen. Oh, ich hab so eine schlimme Behinderung, oh die Gesellschaft ignoriert das auch noch. Es gibt nur zwei Gründe, das zu wollen: Erstens: Damit lässt man Behinderte hilflos, schwach und minderwertig dastehen. Bei Twitter fallen nämlichen die hämischen Deppen mit Freude über solcher Jammertags her. Die Folge nach Aufschrei war doch, dass jetzt jede Schilderung ernsthafter sexueller Belästigung nicht mehr ernst genommen wird. Und das gleiche befürchte ich hier. Wenn zukünftig ein Behinderter von seinen Problemen berichtet, wird er sich sich anhören müssen, dass das doch nur wieder aufmerksamkeitsheischendes #beHindernisse-geschrei ist. Super gut, echt. Wer behindert ist, ist aber ein Opfer, sondern nur eins: behindert. Er kann etwas weniger als andere oder muss sich dafür mehr anstrengen oder braucht Hilfsmittel. Oder er stirbt früher, hat mehr schmerzen, usw. Aber ein Opfer bin ich nur dann, wenn ich mich als solches hinstelle oder hinstellen lasse. Und das wollen die SocialJusticeWarriors nämlich jetzt nach den Farbigen auch mit den Behinderten machen. Und zwar wegen Zweitens: #Aufschrei lief gut. Buchverträge, Talkshowauftritte. Aber der Buchverkauf lief schleppend. Ein neuer hashtag musste her. Dann kam Köln - aha. Jetzt könnten wir doch das Flüchtlingsthema instrumentalisieren. Aber ach, #ausnahmslos war eher ein Rohrkrepierer. Da wird kein neues Buch draus. Und @Tugendfurie hats auch nicht ins Fernsehen, das klappt vermutlich nur noch bei Wizorek Aber auch nicht ewig ohne neues Thema. Und siehe da: Ein neues Thema, eine neue Gruppe unterdrückter ward gefunden und diesmal waren sie nicht farbig, sondern behindert. Schade nur, dass sie nicht alle gleich denken, nicht alle ein Opfer sein wollen, und sie nicht alle die Schnauze halten, wenn wir ihnen erklären, wie sie sich als Behinderte in der Gesellschaft fühlen sollen. Ganz ehrlich: Dank den SocialJusticeWarriors habe ich mich heute zum ersten Mal als so etwas wie eine bevormundete Minderheit gefühlt. Wohlgemerkt: Bevormundet von euch. Das wars erstmal für heute, der Papa muss nu langsam mal ins Bett. Vielleicht ergänze ich das morgen noch mal und es sind noch genug Fehler drin. Jaja, ich bin trotzdem Lektor. Aber das wichtigste: Meinungen sind herzlich willkommen, ihr dürft mir auch gerne volle Suppe widersprechen. Ich kann das aushalten - ich bin nämlich erwachsen.

1 Kommentar:

  1. Glaube es gibt einen weiteren Grund warum man sich auf diese Hastags so stürzt und das ist die Sache mit der Definitionsmacht welche gerne direkt oder indirekt verbreitet wird. Der Gedanke dahinter ist, dass die Opfer von etwas sich am Besten mit dem auskennen von dem sie betroffen sind und entsprechend deswegen besser solche Vorfälle erkennen und lösen können. In der Theorie klingt das nicht schlecht, in der Praxis führt das aber recht schnell dazu, das jegliche Objektivität verloren geht und Argumente jeden Eigenwert verlieren. Es wird nur noch wichtig wer etwas sagt und nicht was gesagt wird.

    Diskussionen passen in so eine Sicht der Welt nicht mehr rein, weil automatisch der Recht hat welcher sich am besten als Opfer darstellen kann. Da bleiben nur noch zwei Möglichkeiten um seinen Einfluss zu steigern. Etwas finden was einen möglichst zum Betroffenen macht oder sich bei jemanden mit reinhängen der am lautesten Klagen kann. Deswegen wird auch die Meinung von Leuten wie dir ignoriert. Du magst für die zwar noch betroffen sein, aber wer sich selbst nicht als Opfer sieht ist besser dran als jemand der es tut und hat entsprechend auch weniger bis keine Definitionsmacht. Aus diesem Grund nutzen marthadear & friends auch jeden Hashtag mit. Gegen "Diskriminierungen" kämpfen ist an sich ja schon toll, aber gleichzeitig dabei zu wissen wie recht man hat ist noch viel, viel besser.

    AntwortenLöschen